Teil IV & Finale: Das hausgemachte Problem — drohende Dieselfahrverbote in Oldenburg (Oldb)

Wo waren wir? Ach ja, nach einer ersten Behandlung des komplexen, ein Fahrverbot begünstigenden Netzwerks von Faktoren haben wir uns stärker Oldenburg als Beispielstadt gewidmet. Neben kurzsichtigen städtebaulichen Maßnahmen, abseits des zusehends schleppenden Verkehrs sowie bedingt funktionierenden P-&-R-Angeboten ist die hitzige Debatte zwischen den Fraktionen „Fahrrad“ und „Auto“ kein guter Ausgangspunkt, um einen notwendigen Mittelweg zwischen den Potentialen einer ungewöhnlichen großen Innenstadt (zum Einkaufen/zwecks Kultur), einzelner, teilautarken Stadtteile sowie Umweltfragen zu begünstigen. Nun wollen wir uns mit möglichen Ursachen auseinander setzten und das Faktorennetz rekapitulieren:

Der Meinung des Autors dieses Beitrags nach ist dies — die Bereitschaft Oldenburger diese Unbedachtheit zu akzeptieren — zunächst das Ergebnis einer Perspektivfrage: Viele in Oldenburg Lebenden stammen auch wesentlich kleineren Städten, gebürtige Oldenburger verlassen die Stadt oft und wenn überhaupt nur (etwa zum Studium) kurzzeitig — was natürlich auch für die Stadt und ihre Attraktivität spricht. Damit läuft man aber auch immer Gefahr, die hiesigen Umstände als ideal zu verklären. Insbesondere ist die Akzeptanz der einleitend skizzierte Maßnahmen also in der Geisteshaltung der Oldenburger selbst begründet.

Um gleich dem Argument vorzugreifen, der Autors dieses Artikels glaube, er stehe über den Dingen: Diese Haltung hatte er auch, man könnte sagen, als Stolz auf seine Heimat ist sie in Teilen sogar erhalten geblieben: Oldenburg, die einstige Hauptstadt eines Staates, Teil einer Metropol-Region, beliebtes Einkaufziel für internationale Touristen, wunderschöne und große Fußgängerzone, bunter Kulturstandort, Exportteuer von Grünkohl und Pinkel, unglaublich grün und doch großstädtisch, riesige Volksfeste, im Verhältnis zu Münster und Osnabrück verkannte Fahrradstadt usw. Selbstverständlich nehmen dann nicht nur Ketten, sondern auch einzelne Unternehmer gerne in Kauf, ihre Waren am Stadtrand umzuladen, sie via E-Fahrzeuge oder per Lastenrad in die Innenstadt zu bringen, um in dieser beutenden Metropole verkaufen zu können! Ehrlich? Ich bin gespannt, wie die Oldenburger reagieren, wenn diese politische erwogene Logistik an den Verbraucher weiter gegeben wird … Aber vielleicht kaufen die meisten dann bereits am Stadtrand oder den Nachbargemeinden ein …

Es wurde ja schon angedeutet, dass Touristen hier nur noch schwer parken können und am besten mit dem Lastfahrrad kommen sollten … Verzeihen Sie die Überzeichnung! Aber aus der Distanz der letzten Jahre/den als Besuchen zu bezeichnenden Aufenthalten in Oldenburg werden viele (wie gesagt vom Autor ebenfalls verinnerlichte) Überhöhung als Illusion entlarvt.

Leider ist Oldenburg nicht der Nabel der Welt, erscheint nur selten auf Wetterkarten, schon südlich von Münster muss die Herkunftsfrage/die Angabe der Stadt mit „bei Bremen“ ergänzt werden und die Angabe „Oldb“ hinter dem Namen hält selbst Beamte nicht ab, Oldenburg in Holstein mit dem unseren gleichzusetzen. D. h. nicht, die Stadt ist all das, was sie oben genannt wurde, nicht! Theater, Museen, Natur, Shopping — ein wirklich einmalige Kombination! Schon gar nicht bedeutet dies, dass die Stadt nicht dennoch wahnsinnig lebenswert ist: Ich vermisse sie aller hier vorgetragenen Kritik zum Trotz! Will aber sagen, dass die Oldenburger nicht zu selbstgerecht werden, sich nicht zu sehr auf dem Status quo der Stadt ausruhen sollten, ohne besagte USPs (Unique Selling Proposition) weiter zu fördern: „Die kommen schon zum Einkaufen!“ – das reicht nicht …

Tatsächlich ruhen sich andere Städte nämlich nicht aus! Neben der in Teilen insbesondere gegenüber andere Hafenstädten schlechten Nutzung des hiesigen Areals (Banken statt ein Erholungshafen in unmittelbarer Nähe zur Fußgängerzone) fällt aus der Distanz eines Besuchers etwa die starke Verschmutzung der Innerstadt auf: die groteske Situation morgens überquellender Mülleimer und während der Geschäftszeit lagernder Abfälle bzw. im Strom von Einkäufern sich durch die Straßen quetschender Fahrzeuge der Entsorgungsbetriebe.

Selbst in einer Millionenstadt wie Köln — sicherlich auch kein Paradebeispiel für Sauberkeit — werden die Eimer regelmäßig geleert und Müll frühzeitig aus den repräsentativen, als Aushängeschild fungierenden Innenstadtbereichen entfernt. Insofern erledigen sich das „touristische Problem“ und partiell damit auch die Parkplatzfrage vielleicht alsbald von selbst. Doch wenn weniger Personen in die Stadt kommen und der Leerstand noch größer wird, wer wird vom Wähler als Schuldiger ausgemacht? Keine schöne Perspektive angesichts radikalisierender Tendenzen unserer Gegenwart … Es droht dann die Suche nach einem — entgegen der hier versuchten Herausarbeitung eines quasi-komplexen Konglomerats von Faktoren — arg vereinfachten Sündenbock …

Mal abgesehen davon, dass es hinsichtlich umweltpolitischer Fragen und erhöhten Abgaswerten überrascht oder von wenig ganzheitlichem Denken kündet, dass die Müllwagen in Stoßzeiten regelmäßig auf den Einfallsstraßen Staus verursachen: Können nicht erst die anliegenden Viertel bearbeitet werden, bis der Berufsverkehr „durch“ ist?

Zusammengefasst

Rekapitulieren wir kurz die Faktoren, welche im ein Dieselverbot vorbereitenden Feld Relevanz entfalten:

  • keine Alternativen — Ringe — für den innerstädtischen Verkehr ≈ hohe Verkehrsbelastung bestimmter Routen ≈ Stop-and-Go ≈ hoher Treibstoffverbrauch/Abgasausstoß
  • verschachtelte Wohngebiete, wenige Zufahrten ≈ Stop-and-Go ≈ hoher Treibstoffverbrauch/ Abgasausstoß —— wie vorhergehend: etwaige Alternativstrecken können entlasten
  • nur noch wenige Busbuchten ≈ Stop-and-Go ≈ hoher Treibstoffverbrauch/ Abgasausstoß im Rückstau, Verpassen grüner Wellen (siehe auch unten)
  • recht hohe Ticketpreise ≈ leere Busse abseits der Stoßzeiten
  • kein sicheres/koordiniertes Abstellen von Fahrräder in der Innenstadt ≈ ggf. Nutzung anderer Transportwege
  • kostenintensiver, ungepflegter, gar unsicherer Park-and-Ride-Service ≈ direkte Fahrt in die Stadt scheint idealer
  • Fahrradfahren auf der Straße ≈ Stop-and-Go ≈ hoher Treibstoffverbrauch/ Abgasausstoß im Rückstau
  • automatische bzw. spezifische Ampelsteuerung unterbindet grüne Wellen, obschon Busse oft leer sind ≈ Stop-and-Go ≈ hoher Treibstoffverbrauch/ Abgasausstoß der Wartenden
  • Oldenburger Messstation steht sehr nah an Straße mit hohem Leerlauf- und Anfahrtsbedarf ≈ überzeichnete Werte
  • zu geringer Schutz der Fahrradfahrer vorm Abbiegen ≈ Bedürfnis nach höherer Sichtbarkeit/auf der Straße zu fahren.
  • Ausgeheizte, zwei Lager aufweisende Debattenkultur statt sinnvoller Kompromisse ≈ radikal gegen Fahrrad/Umwelt oder dafür, in beiden Fällen wenig Toleranz für andere Lebenssituationen
  • kurzsichtige und unkoordinierte Politik/städtische Behörden: öffentliche Parkplätze nein — Dienstwagenstellplätze Politessen ja; Abfalltransport auf Einfallsstraßen während der Stoßzeiten produziert Stau; Gesamtbetrachtung von Kultur, Umwelt, Ökonomie bleibt aus
  • Selbstüberschätzung der Oldenburger: Forderung der Anlieferung vom Stadtrand ohne Kostenfaktoren zu bedenken; kaum Parkplätze — „die kommen schon“

Wittern Sie nun also eine Verschwörung? Da zu tun, ist ja ebenfalls sehr populär: Zu glauben, da steckt mehr dahinter. Stimmt ja auch, wir haben es mit einem Netz von Faktoren zu tun. Doch oft entpuppt sich dieses bei genauerer Betrachtung als ernüchternd einfach — womöglich auch in diesem Fall: Mag der eine oder andere Politiker oder Behördenverantwortlicher sicherlich dieses Fahrverbot herbeisehen — ggf. sogar im ehrlichen Glauben an mehr Umweltverträglichkeit oder Sicherheit (durch eine alternativ zu Fahrverboten reduzierte Geschwindigkeit im innerstädtischen Raum etwa) —, wirkt es eher als sei hier ein Sammelsurium unkoordinierte Maßnahmen und Planungen vorzufinden. In einem Zeitalter globaler Vernetzung, großer (städtischer) Konkurrenz und globaler Problemlagen bzw. einer dadurch notwendigen großen Reaktionsgeschwindigkeit, angesichts der, trotz des großen Wohlstands in Deutschland, enormen (gefühlten) Frustration sowie den damit einhergehenden, und zwar polarisierten Debatten ist solch eine Kurzsichtigkeit fatal … nicht zuletzt für die Umwelt!