Das hausgemachte Problem — drohende Dieselfahrverbote in Oldenburg (Oldb) als Resultat eines Konglomerats unbedarfter Aktionen und Handelnder: ein Essay in vier Teilen

 

Ratlosigkeit herrscht zum Teil angesichts hoher Abgaswerte. Das Land Niedersachen jedenfalls will unbedingt Fahrverbote verhindern — — Fahrverbote wie die „spektakuläre“, aber in ihrer Wirksamkeit noch zu ermittelnde Maßnahme in Hamburg — es wurden schließlich nur wenige hundert Meter Straße gesperrt und der Verkehr oft über nun wesentlich längere und damit ausstoßintensivere Wege umgeleitet. Wird die Vorgeschichte dieser potentiellen Sanktionen am Beispiel Oldenburgs betrachtet, so muss davon ausgegangen werden, dass Fahrverbote unbewusst gefördert oder in Kauf genommen wurden und werden. Um nur einige mehr oder minder für Oldenburg spezifische Faktoren „anzuteasern“: kaum grüne Wellen, hohe Ticketpreise im öffentlichen Nahverkehr, versäumte infrastrukturelle Maßnahmen …

Wo und wann diese Geschichte auf dem Weg zum potentiellen Fahrverbot ihren Anfang nahm, ist nicht einfach auszumachen. Wir wollen zunächst wohl am schnellsten mit dieser Entwicklung verbundene „Basics“ kurz streifen: etwa die sich nun als Illusion entlarvende lange Zeit betriebene (nicht zuletzt politisch geförderte) Präferierung des Diesels als umweltfreundlicherer Motor, den bisweilen hysterisch wirkenden Fokus auf der nun entdeckten Schädlichkeit des Antriebs in Ermangelung der Berücksichtigung der bedingten Sauberkeit auch des Benziners einerseits oder der Relevanz des (Schiffs-)Diesels für den Reichtum/den Komfort der westlicher Welt andererseits; etwa den (über-)euphorischen Glauben an eine elektrisierte Zukunft, ohne die oft hinsichtlich ihrer Energieeffizienz (in der Herstellung insbesondere der Batterien) sowie in Bezug auf soziale Facetten (Ausbeutung armer Länder) und wiederrum die Umweltverschmutzung betreffend fragwürdige Produktion respektive Beschaffung seltener Erden für die Akkus derartiger Motoren zu berücksichtigen. Ebenfalls streifen können wir nur die betrügerisch wirkenden Maßnahmen der Autohersteller einerseits und das leider oft in öffentlichen Diskursen untergehende Versagen der genehmigenden deutschen Behörden andererseits, welche die Jahre lang genutzte Software nicht entdecken vermochten. Zweifel an behördlicher Kompetenz und Verantwortung wäre zu diskutieren. Wir können nur am Rande über den Zufall sprechen, dass VW genau dann in den USA überführt wird, als der Konzern in seiner Größe eben auch die US-Autohersteller überholt hat.

Intensiver widmen wollen wir uns Oldenburg — wenn auch einzelne Exkurse allgemeiner Bedeutung nicht ausbleiben können: In Oldenburg wird nämlich viel und gerne unbedacht geplant und gebaut. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich durchaus satirisch über diese regelmäßigen Vorhaben amüsieren — ähnlich der komödiantischen Aufarbeitung des Kölner Klüngels: Denken Sie nur daran, wie man vor nicht ungefähr dem Glauben an die Lukrativität des Papiermülls erlag, in Tonnen und Fahrzeuge investierte und dann für die fragwürdige Kündigung des bisherigen Entsorgers Rechenschaft ablegen musste. Oder wir könnten uns über den ZOB unterhalten — platziert in einem Viertel, das selbst nach Jahrzenten immer noch freie Bauplätze ausweist, abends unheimlich statt lebendig ist — die künftigen Bewohner der neuen, dort im Bau befindlichen Jugendherberge wird es freuen. Übrigens der damals so notwendige Busbahnhof tut sich heute schwer mit dem jüngsten Fernbusboom. Oder erinnern Sie sich noch — als ein konkreteres, auf das Thema dieses Textes bezogenes Beispiel — wie Teile des Walls zur Einbahnstraße erklärt wurde und der Verkehr durch das enge Wohnviertel hinter dem Staatstheater umgeleitet wurde: Sie ahnen es, klappte natürlich nicht — 100.000nde Euro verloren. Summen also, die auch in ganzheitliche, koordinierte — und damit Umweltschutz betreffende — Maßnahmen investiert hätten können.

Verkehr muss fließen … abgedroschen, doch umweltrelevant

Wenn diese Projekte auch als symptomatisch gelten können, so ist es für das hier gewählte Thema weit interessanter sich den ewigen, beinahe zeitluppenartig fortschreitenden Baustellen auf deutschen Autobahnen bzw. hier konkret dem Brückenneubau der Stadtautobahn über die Alexanderstraße zuzuwenden und sich dem damit offenbar werdenden beinahen Verkehrskollaps in Oldenburg zu widmen: Versäumt wurde die Anlegung eines über die Stadtautobahn hinausgehenden, alternativen Verkehrsrings — etwa, über Weißenmoorstraße, Am Heidbrook und Brookweg. Die Einfallsstraßen wie Alexander-, Bloherfelder, Ammerländer Heer-, Bremer Heer-, Nadorster, Donnerschweer, Cloppenburger Straße erweisen sich als Achillesfersen, stauanfällig, weil alternativlos. Und dieser Umstand bedeutet nicht zuletzt auch höhere Abgaswerte auf Grund des Stop-and-Go-Verkehrs.

In diesem Zusammenhang können wir über die potentielle Abkapslung vieler Siedlungen Oldenburgs sprechen und daraus ebenfalls wegbereitende Faktoren erhöhter Abgasproduktion ableiten: Aus sicher begründeter, nämlich verkehrsberuhigender Abicht verfügen viele Neubaugebiete (selbstverständlich nicht nur Oldenburgs) über keine Durchfahrtsstraßen, solche Siedlungen sind oft sogar nur über eine Zufahrt erreichbar. Aus den vielen, nur indirekt zugänglich konzipierten Areale der Stadt resultieren — nicht nur für Autofahrer im Individualverkehr — Stopp- und Abbiegevorgängen. Klar, die Wohngebiete dürfen keine Rennstrecken werden, Kinder sollten auf der Straße spielen können. Aber bekannterweise geht ein nicht unerheblicher Teil des Treibstoffverbrauchs (und damit des Schadstoffausstoßes) auf das Konto des zu überwindenden Rollwiderstandes. Im Umkehrschluss bedeutet dies — wenn auch abgedroschen klingend: Verkehr muss fließen …

Wenig hilfreich sind dann die meines Erachtens immer seltener von Autofahrern und übrigens auch Fahrradfahrern auf Radwegen zu erlebenden grünen Wellen (von Etzhorn in die Innenstadt ohne Anzuhalten — das war möglich!) auf den bekannten Einfalls- bzw. Ausfallsstraßen. Gibt es solche Wellen, dann werden sie noch weniger durch die automatisierte Umschaltung der Ampeln für Busse der V. W. G.. An sich ja eine gute Idee, um den öffentlichen Verkehr effizienter und attraktiver zu machen. Blöd nur, wenn z. B. an der Ecke Neue Donnerschweer Straße und Karlstraße gut und gerne neun Pkws und vier bis fünf Fahrradfahrer warten, damit eine Bus mit drei Fahrgästen passieren kann. Der Verbrauch im Leerlauf, die dann folgende Anfahrt, sogar der eher unvorteilhafte Treibstoffverbrauch (eventuellem Erdgas zum Trotz) des beinah leeren Busses — Sie sehen, wohin das führt. Wenn dann noch die Abgas-Messstation in der Nähe einer großen Bushaltestelle (nämlich am Lappan, nur wenige Meter vor ein recht hochaufragenden Hausfassade) und eines Fußgängerüberwegs aufgestellt wird, einem Ort also an dem Anfahren und Leerlauf allgegenwärtig sind, so sind erhöhte Werte vorprogrammiert.

Ohnehin scheinen Fahrverbote in der bisher realisierten Form wenig überzeugend, denn dadurch wird der Verkehr bzw. werden die „ausgeschlossenen“ Motoren ja nicht unmittelbar minimiert oder besagte Fahrzeuge ausgemustert — hier wird eher nach dem Motto „Aus den Augen aus dem Sinn“ agiert: Zwar ist nun in der Schadstoffdiesel-freien Zone mit weniger Belastung zu rechnen, genau genommen wird der Ausstoß aber nur verlagert und — im Falle Hamburgs — insgesamt, also über die Umwelt-/Sperrzone hinaus, sogar vergrößert, da die alternativen Routen zu den einzelnen gesperrten Straßen wesentlich länger sind.

Übrigens: Wenn über diesen begrenzten Sinn hinaus noch zur Verkehrsberuhigung und auf Grund gewiss ehrbarer, gar sinnvoller Sicherheitsüberlegungen (kreuzende Passanten/Fahrgäste besser zu schützen), viele Buchten an den Bushaltestellen Oldenburgs entfernt werden, dann heißt es nochmal Leerlauf und Anfahrt.

Ob angesichts der skizzierten Hindernisse/Unterbrechungen des Verkehrsflusses die immer wieder geforderte Reduzierung der Geschwindigkeit des innerstädtischen Verkehrs auf Tempo 30 eine wirklich brauchbare Lösung ist, darf zu bezweifeln sein: Gewiss ist dann der Verbrauch niedriger, doch der oben beschriebene Leerlauf würde mit dieser Maßnahme nicht umgangen werden. Auch sollte angesichts des bisweilen unvermeitlichen — beruflichen — Anreiseaufwands bzw. der dafür aufzubringenden Zeit immer auch daran appelliert werden, dass ein gewisser Rahmen nicht gesprengt wird — soll heißen: Kann man seinen Mitbürger wirklich solch einen nicht immer als Entschleunigung zu bezeichnenden zusätzlichen Zeitaufwand aufzwingen?

Besagte Entschleunigung ist nicht erst mit dem Konzept des französischen Philosophen Paul Virilio, mit der „Dromologie“, zum Thema mindestens in der Geisteswissenschaft geworden. Kern seiner Überlegungen ist, dass Geschwindigkeit in unserer Zeit zum zentralen Element geworden ist: U. a. eine umfassende Kommunikation macht uns zwar mobil, aber durch die vielen Kanäle nicht unbedingt besser erreichbar. Alles rausche an uns vorbei wie die Landschaft bei einer Zugfahrt. Auch wenn diese Überlegungen bisweilen sehr pessimistisch wirken, so liefern diese Gedanken doch auch einen Hinweis zum Umgang mit dem hier vorgestellten Komplex. So ist dieses in einer vernetzten, nicht nur hinsichtlich Daten auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigenden Welt ernst zunehmende Thema bereits aus Theorie in die Praxis übergegangen/bis zum Anwender durchgeschlagen ≈ als Zeitmanagement der App-Nutzung auf Tabletts etwa. Konträr dazu und gleichsam im Einklang damit könnten die im Rahmen des Möglichen (Trennung Arbeit und Wohnort — siehe unten) kürzeren Reisezeiten — mit Tempo 50 — durchaus den familiären Alltag anteilig beruhigen …

Wichtig: Hier wird keinesfalls eine Unterordnung aller Bedürfnisse städtischer Bewohner unter das Auto gefordert — die oft gravierenden Eingriffe unter dieser Prämisse in den 1950–70er Jahren sind in vielen Städten insbesondere Westdeutschlands allgegenwärtig und haben nur selten eine positiv ästhetische Wirkung solcher Orte beflügelt! Es soll lediglich darauf verwiesen werden, dass z. B. einige Alternativrouten — wie oben angedeutet — schon von Vorteil sein können, um graduell kürzere Strecken zu ermöglichen und die Hauptrouten zu entlasten, gar Spritverbrauch zu verringern und die Umwelt zu schonen.

Baulich manifestiert: jeder fürs sich

Es geht sicherlich zu weit, zu behaupten, besagte, je nach Perspektive zwischen effizient und ungeschickt einzuordnenden Siedlungsvorhaben hätten in Oldenburg bereits eine drastische soziale Entsprechung gefunden — dennoch:

Zu diesem „Dennoch“ in einer städtebaulichen Betrachtung eines drohenden Dieselverbots kommen wir nächstes Mal!